CityCampus Logo
Startseite | Kontakt | Blog | Telefon: 0621 / 5407284

Begriffserklärung

Verschiedene Begriffe für Legasthenie
Verschiedene Begriffe LRS bzw. Legasthenie

Viele engagierte Eltern schulpflichtiger Kinder und ziemlich jede Lehrkraft werden in ihrem schulischen Umfeld mit diversen Begrifflichkeiten konfrontiert, die alle Defizite im Schriftspracherwerb beschreiben. Hier in Deutschland sind die drei Buchstaben »LRS« wohl am bekanntesten; ihre Konnotationen sind sehr negativ. Oft werden mit LRS Schlagwörter wie schlechte Noten, häusliche Auseinandersetzungen, Schulangst oder Schulversagen verbunden. Viele halten Legasthenie für ein Zeichen einer Minderintelligenz, eine Krankheit oder sogar Behinderung. Das ist falsch!
Leider gibt es in der deutschen Fachwelt keine einheitliche Verwendung dieser Begriffe, sodass es immer wieder zu Missverständnissen und Verunsicherungen kommt. Das Klassifikationsschema der Weltgesundheitsorganisation, das ICD-10, differenziert zwischen einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) und einer Lese-Rechtschreib-Störung (Legasthenie).

LRS:
Synonym gebraucht werden Lese-Rechtschreib-Schwäche und Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten. Sind Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb durch eine mangelhafte Beschulung (z.B. häufiger Lehrerwechsel oder Unterrichtsausfall), durch eine psychische oder neurologische Erkrankung oder durch eine Sinnesbehinderung (z.B. Schwerhörigkeit oder Sehbehinderung) vorhanden, liegt eine oft temporäre Lese-Rechtschreib-Schwäche vor, die durch ein gezieltes Lese-Rechtschreibtraining auch wieder »verschwindet«.
Legasthenie:
Synonym gebraucht werden die Begriffe »Lese-Rechtschreibstörung« und »Dyslexie«. [1] Legasthenie zählt zu den umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (F81). Hauptmerkmal ist eine umschriebene Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lese- und Rechtschreibfertigkeiten, die nicht durch eine unangemessene Beschulung, eine allgemein beeinträchtigte geistige Entwicklung oder eine spezifische Sinnesbeeinträchtigung erklärbar ist. Sie ist eine an die Entwicklung der Hirnfunktion gebundene, zentralnervös begründete Teilleistungsstörung der kognitiven Informationsverarbeitung (Hören – Sehen). Diese Verarbeitungsdefizite und ihre Sekundärfolgen (mangelnde oder übermäßige Leistungshaltung, psychosomatische Symptome, Aggressivität, Angstsymptome, Hyperaktivität, Schulunlust, Schulverweigerung etc.) hängen zusätzlich vom familiären Umfeld, der Beschulung und individuellen Merkmalen ab, sie »wachsen sich aber keinesfalls aus« [2] .

Legasthenie entsteht in der frühen Entwicklung bereits vor Schulbeginn. Eine LRS entwickelt sich erst nach Schuleintritt. Eine Legasthenie ist genetisch bedingt (Forschungsergebnisse beweisen, dass die verantwortlichen Erbinformationen auf den Chromosomen 1, 2, 6 und 15 sitzen). Eine LRS wird »erworben« durch psychische, physische, klinisch-psychiatrische und familiäre Ursachen, Reifedisproportion, Lerndefizite oder Minderbegabung. Bei einer biogenetisch bedingten speziellen LRS (Legasthenie) beeinflussen gengesteuerte Entwicklungsprozesse im Gehirn die Sinnesfunktionen, die beim Schriftspracherwerb ausschlaggebend sind. Daher ist ein umfassendes Training der Aufmerksamkeit, der Funktion und der Symptomatik notwendig. Im Falle einer erworbenen LRS ist das Training der Symptomatik erstrangig und eventuell eine Unterstützung durch Mediziner und Psychologen notwendig. Die Ausprägung kann sehr unterschiedlich ausfallen:

Die Festlegung der Ausprägungsstärke kann mit Hilfe von verschiedenen diagnostischen Instrumenten (z.B. normierte psychologische Testverfahren, Fragebögen, Anamnese, Beratungsgespräche, usw.) erfolgen und richtet sich im Wesentlichen nach zwei Kriterien:

Kinder mit Lese– und/oder Rechtschreibschwierigkeiten sind vom schulischen Misserfolg, der die gesamte schulische Laufbahn ungünstig beeinträchtigen kann, betroffen. Bleibt eine angeborene Legasthenie oder auch eine erworbene LRS unbehandelt, so verstärken sich in späteren Sekundarschuljahren die Probleme, verbunden mit der Gefahr einer psychischen, schulischen und sozialen Fehlentwicklung. In der Vorgeschichte der lese– und/oder rechtschreibschwachen Schüler liegen häufig Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache oder andere zentralnervös bestimmte Entwicklungsstörungen (besonders der Wahrnehmung) vor.

Im 2. und 3. Schuljahr ist der Anteil der Kinder mit Legasthenie mit bis zu 7% anzunehmen, wobei 4% der Kinder schwere umschriebene Beeinträchtigungen im Lesen und Schreiben haben. In der Population der Schüler im Alter zwischen 6-18 Jahren, die irgendeine psychosoziale Beratung aufsuchen, wird bei 8% eine Legasthenie diagnostiziert. Jungen sind hierbei 4–10 Mal häufiger betroffen als Mädchen. Dies bedeutet konkret, dass in einer Schulklasse mit 25 Schülern mindestens ein Legastheniker sitzt.


Fußnoten

1 Anmerkung: Dyslexie bzw. Dyslexia ist die internationale Bezeichnung dieses Phänomens. In Deutschland werden auch Beeinträchtigungen im Schriftsprachbereich, die im Erwachsenenalter durch Hirnschädigungen (z.B. beim Schlaganfall oder nach Schädel-Hirn-Trauma) ausgelöst werden, als Dyslexie bezeichnet.

2 Aus: Stellungnahme des Vorstandes der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Diagnostik, schulischen Förderung und Therapie bei Schülern mit Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie); Forum der Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Mitgliederrundbrief I/ 1994.